Hätte Hartwig Steenken am 23. Juli 2026 seinen 85. Geburtstag feiern können, dann wären seine Weggefährten sicherlich dabei gewesen. Doch der tollkühne Springreiter Steenken starb mit nur 36 Jahren infolge eines Autounfalls. Sein Name ist – gerade in Reiterkreisen – unvergessen. Sieben Freunde und Weggefährten brachten anlässlich seines Geburtstags einen Kranz zu seinem Grab auf dem Heiligenloher Friedhof und erinnerten sich anschließend beim Besuch seines Elternhauses in Borwede an spektakuläre Zeiten.
„Wenn ich heute auf ein Turnier gehe, dann fällt nach spätestens zehn Minuten der Name Hartwig Steenken“, sagt sein ehemaliger Pferdepfleger Reinhard „Hacki“ Korsch. Hartwig Steenken, da ist sich die Gruppe einig, war legendär. Nicht nur wegen seiner sportlichen Erfolge – er war unter anderem Olympiasieger in der Mannschaft 1972 in München, Welt- und Europameister sowie dreimal Deutscher Meister. Sondern vor allem wegen seines unverwechselbaren Charakters. So war es wenig verwunderlich, dass sich der Idee von Korsch und Georg Ahlmann – Freund, Reiterkollege und Handelspartner Steenkens – weitere Weggefährten anschlossen, um am Ort seiner Kindheit und Jugend sowie an seinem Grab an den Springreiter zu erinnern. „Du fehlst noch immer. Deine ehemaligen Weggefährten“, ließen sie auf die Schleife des Kranzes schreiben. Er ist noch präsent – auch in seiner Familie. Hartwigs Neffe Lüder Steenken und seine Frau Anne-Mette empfangen die Gruppe.
Eine von ihnen ist Marion Henkel – eine der wenigen, die von Steenken unterrichtet wurde. „Er war hart zu sich selbst und auch zu mir“, sagt sie. Geritten wurde immer – auch krank oder verletzt. So ist Steenken mit angebrochenem Schlüsselbein geritten, nach einem Beinbruch mit Schrauben und Nägeln im Körper. Aber die Dinge, die sie von ihm gelernt habe, die prägten sie bis heute, sagt die Mellendorferin. Bianca und Ulli Kasselmann kamen aus Hagen am Teutoburger Wald. Ulli Kasselmann hatte Steenken an der Landesreitschule in Hoya kennengelernt, wo dieser von 1962 bis 1964 als Bereiter arbeitete, bevor er mit Rosemarie und Dr. Horst Ebert einen Reitstall in Mellendorf aufbaute. „Wir sprechen oft von ihm“, sagen sie. „Wir haben viel mit Hartwig erlebt“, bestätigt Georg Ahlmann. „Als er gestorben ist, gab es einen großen Knick im Sport.“ Nicht nur aus reitsportlicher Sicht, auch aus gesellschaftlicher. Für Steenken hätte das Skatspielen bei Turnieren fest dazu gehört, genau wie Fußballspiele: Für den begeisterten Fan Hartwig Steenken, der bei seinem Weltmeisterritt 1974 in Hickstead ein Foto der deutschen Fußballnationalmannschaft unter der Kappe trug, ein Muss. Wäre er nicht Reiter geworden, dann wohl Fußballer, das sagte er von sich selbst. Er kickte früher in der Mörsener Jugend. „Bis seine Mutter, meine Großmutter, zu ihm sagte: ‚Buernjungs speelt keen Football, de riet‘“, erinnert sich Lüder Steenken schmunzelnd. So fing Steenken erst mit 15 Jahren an zu reiten, zunächst in der ländlichen Reiterei, gewann 1962 als noch Unbekannter auf Amor den „Großen Preis von Nordrhein-Westfalen“ in Münster. Drei Jahre später siegte er mit Fairneß im Mächtigkeitsspringen beim Hallenturnier in Münster – und blieb an der Spitze. Das von Hinrich Oldehoff aus Wedehorn gezüchtete Pferd hatte sein Bruder, Lüders Vater Ludwig Steenken, auf einem ländlichen Turnier im Landkreis entdeckt. Es führte Hartwig an die Spitze der Springreiter. Der lobte die Stute („Ich habe das beste Pferd unter dem Sattel, dass es nach dem Krieg gegeben hat“) und sich selbst („Ich schlage alle meine Gegner“) so sehr, dass er in der Branche den Spitznamen „Cassius“ verpasst bekam – in Anlehnung an den Boxweltmeister Cassius Clay, der sich später Muhammad Ali nannte und ebenso selbstbewusst war.
Es waren faszinierende Zeiten im Reitsport. Auch für Uwe Schmack, der an diesem Tag dabei ist. Als Jugendlicher half er auf einem Turnier in seiner Heimat Iserlohn, lernte „Hacki“ Korsch und Hartwig Steenken kennen und blieb im Reitsport, vor allem in der Verbandsarbeit und als freier Journalist. Karl-Heinz Giebmanns, wie Steenken geboren 1941, ebenfalls im nationalen und internationalen Springreiten erfolgreich, war Hartwig Steenken eng verbunden. „Morgens haben wir zusammen trainiert, nachmittags und abends haben wir nur Mist gemacht“, erzählt er. Und es sind viele Geschichten, an die sich die Weggefährten an diesem Tag erinnern. Ja, oftmals haben sie über die Stränge geschlagen, erzählt die Gruppe. Erinnert sich, wie Steenken seine Zeche bei einem Wirt bezahlte, in dem er eine Schubkarre voller Pfennige vor die Theke kippte. Wie einem Journalisten die lange Mähne abgeschnitten wurde. Aber Hartwig Steenken, da sind sie sich einig, war trotz – oder gerade wegen dieser Eskapaden – ein Charakter, der keine Feinde hatte. Höchstens unter den Funktionären des Reitsports, sagen seine Weggefährten. Denn er war auch ein Rebell, hatte beispielsweise kurz vor seinem Autounfall als erster Reiter einen Profivertrag mit dem Getränkehersteller Campari abgeschlossen.
Genau wie Steenken selbst sind seine Pferde in Erinnerung. So wie Simona, mit der er Welt- und Europameister wurde und die Wilhelm Sander aus Groß Lessen gezüchtet wurde. Und Goya, mit dem er 1975 beim Bremer Hallenturnier beim Schauspringen eine 2,26 Meter hohe Mauer übersprang. Manche Pferde aus seinem Stall, wie Deister und Gladstone, waren nach seinem Tod unter anderen Springreitern international erfolgreich. Verantwortlich für die Pferde war „Hacki“ Korsch. Der, wie alle anderen in der Gruppe, immer noch an seinen ehemaligen Chef denkt. „Für den sind wir durchs Feuer gegangen“, sagt er. „Er war menschlich so unkompliziert – es ist kein Wunder, dass immer noch alle über ihn sprechen.“